Im Jahre 1930 wurde anlässlich der 500 Jahr-Feier der Stadt Balve das Heimatbuch „Balve. Buch vom Werden und Sein der Stadt“ aufgelegt, mit bedeutenden Beiträgen engagierter Balver und renommierter Fachleute zur Historie der Stadt und des Hönnetals sowie aktuellen Themen aus Kultur und Wissenschaft. Von Dr. Elisabeth Allhoff wurden zwei umfangreiche Kapitel zur Geschichte der Stadt bis zur Erwerbung der Stadtrechte im Jahr 1430 und danach bis zum Ende der kurkölnischen Herrschaft im Jahr 1803 beigetragen1).
Hieraus nachfolgend ein Abschnitt über Balver Wirtshäuser, Märkte und Verkehrswege, das Fuhrwesen im Sauerland, das Balver Lüll und die Regulierung der ausufernden Branntweinwirtschaft.
V. Die Wirtschaft
Wie wir bei Gelegenheit der Besprechung der städtischen Marktpolizei gesehen haben, blüht im 17. Jahrhundert in Balve die Brauerei neben der Form der Hausbrauerei sicher auch als Gewerbe, da Balve in der Ausführung des Lüll einen gewissen Ruf schon vor dem 17. Jahrhundert hat. 1592 hält Kaspar von Fürstenberg ein Bankett auf der Waterlappe (hier), wozu für 10 ½ Thaler Balver Lüll bestellt wurde.2) Lüll galt als eines der Merkzeichen von Balve.3)
Im 18. Jahrhundert verändert sich das Bild völlig, nicht nur in Balve. Der Hopfenanbau geht wegen des auswärtigen Wettbewerbs zurück, das Lüll verschlechtert sich, dann hört die Ausfuhr wohl ganz auf. Ein Magistratsbericht an die hessische Regierung vom 22. September 1805 gibt an, dass in Balve 8 Branntweinbrennereien seien, und wohl ebenso viele Schenken. Man könne annehmen, dass die 8 Brenner im Durchschnitt alle 14 Tage je 20 bis 30 Maß Branntwein herstellten. Davon werde zwar in den benachbarten Orten viel verkauft, der meiste werde aber in der Stadt selbst verbraucht. Dazu liefere noch das Ausland bedeutende Qualitäten und in verschiedenen Arten. „Diese starke Consumtion in unserem Grenzstädtchen macht nur der nicht unbedeutende Comers erklärbar„, so fährt der Bericht fort. „Aber dennoch muss sie eingeschränkt werden, diese Consumtion, und Balve, wo jetzt nur in 4 Häusern Bier gebrauet, durchaus untersagt werden„. Allenfalls müsste auch den Eigentümern der schon vorhandenen Brennereien nur eine gewisse Qualität Branntwein zu brennen erlaubt sein. Von jedem Ohm Branntwein müsse eine höhere Abgabe, als sie vom Wein gebräuchlich sei, entrichtet werden, die für die Anlage eines Gerstenmagazins zu verwenden wäre. Aus inländischem Korn müsse kein Branntwein zu brennen gestattet sein.
Den Wirten müsse unter hoher Geldstrafe das Branntweinschenken nach Mittag verboten sein. Die ohne Rücksicht einzufordernden Strafgelder müssten zum Ankauf von Gerste verwendet werden. Alle Branntweinmaße müssten geeicht sein, und dafür eine Abgabe, wieder für den Verkauf von Gerste, entrichtet werden. Diese Vorschläge verfolgten nach der Ansicht des Magistrats den Zweck, den Branntwein teuer und das Bier wohlfeil zu machen, was ohne sie nicht erreicht werden könne.
Der Bericht zeigt, wie sich in einem Jahrhundert die Verhältnisse geändert hatten. Was im 17. Jahrhundert als eine gemeinnützige Anlage besteht, die städtische Braupfanne, ist im 18 Jahrhundert vergangen und so völlig vergessen, dass der Magistrat der Regierung die Anlage empfiehlt. Die Errichtung von Getreidemagazinen aber wäre im 18. Jahrhundert allgemein nötig gewesen, besonders in den ertragreichen Gegenden, damit der Bauer nicht genötigt gewesen wäre, sein Korn nach der Ernte zu billig zu verkaufen, während der Händler zur Saatzeit die höchsten Preise erzielen konnte. Die kölnische Regierung hatte es aber versäumt, diese und so manche vorausschauende Maßnahme zu treffen. Die beiden letzten Kurfürsten, vor allem Max Franz, konnten nicht alles nachholen, obwohl sie Bedeutendes leisteten.

Bei diesem Verhältnissen braucht man sich nicht zu wundern, wenn in Balve um 1830 neben 11 Spezereiläden und 4 Ellenwarenläden 3 Weinschenken, 13 Branntweinschenken und 3 Bierschenken, wozu noch nicht ganz verständlicher Weise 10 Wirtshäuser gekommen sein sollen. Übrigens werden auch 11 Bäcker genannt und bemerkt, dass auch mehrere Privatpersonen Weißbrot, Stuten und Brezeln, die „Krengel“, backten und auf den benachbarten Jahrmärkten verkauften.
Auch bei diesen Angaben dürfte sich gegen das 18 Jahrhundert nicht viel verschoben haben. Es ist bei den wohlmeinenden Vorschlägen des Balver Magistrats geblieben, nur dass die Brennereien wohl zurückgegangen sind und der Branntwein von auswärts bezogen wurde. Das Branntweintrinken hat sich bis in die jüngste Zeit behauptet, wo statt seiner der Biergenuss wieder stärker geworden ist. Der Bauer, wie er noch vor 30 Jahren im blauen Kittel über Land ging und einkehrte, trank den Schnaps, kein Bier. Heute ist es mehr umgekehrt.
Die vielen Wirtshäuser sind auffallend. Sie sind es noch heute, trotzdem sie nun mehr als die Hälfte zurückgegangen sind. Ihre zweifellos große Zahl im 17. und 18. Jahrhundert hängt wohl mit dem gesteigerten Warentransport zusammen, an dem auch Balve teil hatte. In dem Westfälischen Handel der Hansa war durch das Erstarken des ausländischen Handels, besonders des englischen und niederländischen, und durch die Entwicklung der der Ost- und Nordseeküste näher gelegenen deutschen Städte schon im 15. und 16. Jahrhundert ein Stillstand eingetreten. Anstelle der Transportunternehmungen der Großkaufleute entwickelt sich ein selbstständiges Fuhrgewerbe, das dem heimischen Handel und Verkehr diente.
Auch staatliche Postanstalten wurden eingeführt. Die Fuhrleute des Sauerlandes verfrachteten Salz, Holz, Korn und Früchte. Sie übernahmen aber auch den weiteren Transport, sie holten den Wein vom Rhein und führten die Waren von und nach Frankfurt, Leipzig und Braunschweig. An sauerländischen Fuhrleuten kamen gewiss nicht wenige über Balve, lag es doch an zwei verkehrsreichen Straßen. Die Ämter Bilstein, Attendorn und Schliprüthen stellten die meisten Fuhrleute. Balve selbst dürfte auch einige gehabt haben. Man holte das Salz von Werl, Töpfergeschirr aus dem Hessischen, man führte die oben genannten Waren aus, dazu Leinen, Speck und Schinken. Man war gewiss allgemein darauf aus, jeden Verdienst wahrzunehmen, so auch die Bewirtung und Beherbergung der fremden Fuhrleute und Kaufleute.

Gaststätte Bathe mit Biergarten – genannt „Sumpf“ (vgl. hier).
Foto: Marianne Fürch geb. Bathe
Zur Zeit der Märkte werden die Wirtshäuser nicht ausgereicht haben, und so kam es, dass fast jedes dazu geeignete Anwesen sich der Beherbergung der Fremden annahm. Es kam hier wie anderswo vor, dass Fremde, sogar Ausländer sich in Balve niederließen und in Balver Familien einheirateten. Man braucht sich also über die vielen Wirtshäuser an der Hauptstraße im 19. Jahrhundert nicht zu wundern. Es ist der Zustand, wie ihn der Verkehr der vorhergehenden Jahrhunderte herausgebildet hatte.
1) Aus: Dr. Elisabeth Allhoff, 1930. Zur Geschichte der Stadt Balve seit der Begründung des Stadtrechtes bis zum Ende der kurkölnischen Herrschaft im Jahre 1803. Auszug Seite 171-172. In: Balve. Buch vom Werden und Sein der Stadt. Hrsg. Rumänienhilfe der Kolpingsfamilie Balve. Unveränderter Nachdruck des 1930 erschienenen Buches, 2. Auflage 1993. Zimmermann Druck + Verlag Balve.
2) Pieler, Leben Kaspars von Fürstenberg, S. 150. Nach Höynck, Die Stadt Balve, Seite 15
3) Stangenfol, circ. West. III, 398. Nach Höynck, ebd.